Hätte klappen können

Christian Karn. Mainz.
Es hätte klappen können - zumindest mit einem Punkt aus dem Spiel gegen Schalke 04 zu kommen. Die 05er waren viel unternehmungslustiger als zuletzt beim verheerenden Auftritt in Darmstadt, sie waren defensiv wieder viel stabiler. Sie dominierten das Spiel. Sie waren die aktivere Mannschaft. Die bessere? Dazu wäre eine angemessene Offensivleistung nötig gewesen. Bis ins Mittelfeld und auch in Richtung der Eckfahnen sah es gut aus. Aber zum Tor hin sind die 05er von Standards abhängig. Und wennn die nicht die Entscheidung bringen, fehlen die Mittel, um ein 0:1 zu kontern. 45 Minuten Zeit hatten die 05er nach dem Rückstand. Aber keine einzige gefährliche Torchance mehr.

FSV Mainz 05 - FC Schalke 04 0:1 (0:0)

Sonntag, 19. März 2017, 30.847 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bungert, Ramalho, Brosinski - Gbamin, Latza (82. Muto) - Öztunali, Bojan (61. Quaison), Jairo (61. de Blasis) - Córdoba.
Reserve: Huth, Balogun, Frei, Bussmann. Trainer: Schmidt.

FC Schalke 04: Fährmann - Kehrer, Höwedes, Badstuber, Kolasinac - Goretzka (46. Bentaleb), Stambouli - Schöpf, Meyer (62. Caligiuri), Choupo-Moting - Burgstaller (83. di Santo).
Reserve: Nübel, Geis, Huntelaar, Riether. Trainer: Weinzierl.

Schiedsrichter: Stark (Ergolding).

Tore: 0:1 Kolasinac (50., Burgstaller).

Gelbe Karten: Jairo, Bungert - Burgstaller, Badstuber, Schöpf, Choupo-Moting.

Der Konjunktiv in der Überschrift verrät es schon. Mainz 05 hat verloren. Gegen Schalke? Gegen sich selbst? Oder gegen Sead Kolasinac? Es ist schwer zu sagen, wo dieses 0:1 eigentlich herkam. Die 05er waren von der fünften bis zur 45. Minute die bessere Mannschaft, kassierten kurz nach Wiederanpfiff den einen entscheidenden Konter. Und kamen in der langen Schlussoffensive einfach nicht mehr vors Tor. Die Schalker verteidigten gut, machten sonst schon beim Stand von 0:0 sehr wenig für die Offensive, haben aber die drei Punkte. Und - nichts Neues! - die 05er müssen wirklich dringend Lösungen finden, wie man ein Tor schießt. Wenn auch die 10:2 Eckbälle der ersten 85 Minuten nicht ausreichen für einen Treffer, wenn die Konter nicht laufen, reicht nämlich ein Gegentor für die Niederlage.

Jairo war bei allem Aufwand unbrauchbar in diesem Spiel, Jhon Córdoba war unbrauchbar, Bojan Krkic besser eingebunden als bisher, aber ohne die nötigen Passempfänger. Pablo de Blasis und Robin Quaison, die am wenigsten schlechten 05er bei der Niederlage in Darmstadt, waren in den ersten 61 Minuten gar nicht dabei. Levin Öztunali drehte in der Schlussphase auf, blieb aber auch ohne Wirkung. Und der Eindruck festigt sich dennoch immer mehr: Das Problem liegt weniger in den Einzelspielern. Es liegt in den fehlenden Angriffsprinzipien, die die Einzelspieler zur Improvisation zwingen. Klare Abläufe mit realistischen Erfolgswahrscheinlichkeiten sind nicht zu erkennen.

Darum war bei allem Aufwand doch nur in der 37. und 38. Minute das Mainzer Führungstor ernsthaft möglich. Durch: Standards. Freistoß von Öztunali, schlecht abgewehrt, Vorlage von Latza, Abschluss von Córdoba, gehalten. Eckball, Kopfball von Bojan am langen Pfosten, geblockt. Eckball, Distanzschuss von Latza, gehalten. Eckball, Konter, abgefangen.

Viel mehr aber gab es nicht. Bei allem Aufwand, den die 05er betrieben, bei aller Kontrolle, die sie im Mittelfeld hatten - bis auf zwei harmlose Bojan-Abschlüsse, einen harmlosen 30-Meter-Freistoß von Daniel Brosinski und einen Kopfball von Jonas Lössl in der vierten Nachspielminute kam nichts mehr. Gelegentliche Querpässe und Flanken fingen die Schalker ab und aus dem Spiel heraus schaffen die 05er schon seit Wochen keine Torchancen mehr.

Wer an der Niederlage wirklich nicht schuld ist, ist Niko Bungert, der mit seinen Kollegen eine gute Abwehrleistung zeigte, aber in diesen Tagen keine Offensive von Bundesligaformat vor sich hat. Foto: imagoDie Schalker wussten das natürlich genau. Sicherlich lag es auch daran, dass sie die 05er früh in die Spielmacherrolle zwangen, die die 05er im Mittelfeld auch gut annahmen; weil aber Córdoba reihenweise die Bälle in den Rücken der Kollegen, in hohem Bogen über den Strafraum oder zu kurz dem Gegner in die Füße spielte, weil Jairo den Ball immer wieder in die Sackgasse mitnahm, war die Feldüberlegenheit wertlos.

In den fünf Minuten nach der Halbzeit verschenkten die 05er das Unentschieden. Sie kamen entsetzlich passiv aus der Halbzeit, ließen den Schalkern auf einmal all den Platz, den sie ihnen in der ersten Hälfte nicht zugestanden hatten, ließen sie ohne Gegenwehr im Mittelfeld zwei, drei Angriffe aufziehen. Ruinierten sich den wenigstens defensiv bundesligareifen Auftritt der ersten Hälfte. Kassierten in der 50. Minute das 0:1 durch Sead Kolasinac, der selbst in der eigenen Hälfte den Ball eroberte, den einen oder anderen Doppelpass mit seinen Kollegen spielte, damit mühelos in den Strafraum kam, aus spitzem Winkel ins lange Eck traf. Das war keine Überraschung. Das hatte sich vom Wiederanpfiff weg angedeutet.

Eine Reaktion kam. Fast sofortige Gegenoffensive. Ohne Abschlüsse jedoch, abgesehen von einem zu lockeren Kopfball und einen unplatzierten Distanzschuss von Bojan (60.), lediglich mit Aufwand. Und auch auf der Bank kam sie: Doppelwechsel in der 61. Minute, Pablo de Blasis und Robin Quaison für Jairo und Bojan. Die Strategie verpuffte jedoch, auch das Umschalten auf volle Offensive mit dem Nachwechsel von Yoshinori Muto 20 Minuten später. Die 05er mühten sich, hatten dabei viele gute Aktionen auf dem Platz, aber keine in der Nähe des Schalker Tors. Gegen Ende wurde das immer riskanter. Schalke kam immer mal durch, machte nur nichts daraus.

Franco di Santo hätte das Spiel in der 90. Minute endgültig entscheiden müssen. Müssen. Nicht können. Müssen. Es war nicht viel weniger als eine Unmöglichkeit, die Lössl gegen den Argentinier vollbrachte. Der wäre meilenweit im Abseits gewesen, wäre er nicht deutlich in der eigenen Hälfte gestartet; eine Absicherung gegen den Konter gab es in dem Moment nicht. Giulio Donati rannte dem Stürmer hinterher, hatte aber keine Chance. Der verzögerte an der Strafraumgrenze, wollte den Torwart locken, das war Lössl aber völlig egal. Der Torwart blieb ruhig, bot di Santo überhaupt nichts an, blockte den ersten Schuss. Und fing den Nachschuss locker auf.

Donati konnte nicht mehr, hatte beim Sprint die letzten Reste Energie verbraucht. Wurde trotzdem in den Spielaufbau eingebunden, hatte noch Ballkontakte. Sah zu, wie Schalke die Nachspielzeit mit dem üblichen Zirkus verkürzte - eine zusätzliche Minute hätte es geben müssen, was sie gebracht hätte, ist fraglich. Lössls Kopfball, technisch innovativ und nicht aufs Tor, beendete schließlich das Spiel. Und die 05er kriegen immer größere Probleme. Die Relegationsplätze werden nicht für alle reichen. Aber einer wird ihn kriegen. Und Mainz 05 wird einiges verändern müssen, um auszuschließen, dieser eine zu sein. Mit den Auftritten der letzten Wochen spricht wenig für sie.

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