Freude, Lachen und täglich knallharte Arbeit

Jörg Schneider. Mainz.
Fünf Jahre lang hat René Adler für den Hamburger SV gespielt, ehe der 32-Jährige in diesem Sommer zum FSV Mainz 05 wechselte. Am Samstag kommt es nun in der Opel Arena zum ersten Duell als 05-Keeper mit seinem Ex-Klub. „Natürlich ist es für mich ein etwas anderes Bundesligaspiel“, sagt Adler. „Aber es ist ein genauso wichtiges Spiel wie das letzte oder das nächste. Ich möchte das nicht zu hoch aufhängen.“ Dennoch soll unter allen Umständen ein Heimsieg her. „Der HSV kann gerne viele Punkte holen, bis auf die beiden Spiele gegen uns“, erklärte Adler in einer Medienrunde, in der sich der Routinier zu verschiedenen Themen äußerte - auch zur Nationalmannschaft.

In diesen Tagen liest und hört man viel von René Adler. Das hat natürlich damit zu tun, dass der Torhüter des FSV Mainz 05 am Samstag im Heimspiel in der Opel Arena auf seinen Ex-Klub, den Hamburger SV, trifft, für den der 32-Jährige fünf Jahre lang bis zu seinem Wechsel in diesem Sommer aktiv war. Und in einem Interview mit dem „Kicker“ ist diese Woche das Thema Nationalmannschaft plötzlich noch einmal aufgekommen. Die Verletzung von Manuel Neuer, für den es knapp werden könnte bis zur WM im nächsten Jahr, hat zu Spekulationen über eine mögliche Rückkehr des früheren National-Keepers geführt. Zumal der 05-Torhüter in den ersten sieben Saisonspielen mit Top-Leistungen unterstrichen hat, dass er nach wie vor zur ersten Garde der deutschen Torwächter gehört. In einer kleinen Gesprächsrunde am Bruchweg äußerte sich Adler nun zu seinen Ambitionen, zu seinem neuen Klub und zum Treffen mit seinem ehemaligen Verein.

Nach fünf Jahren HSV steht René Adler nun beim FSV Mainz 05 im Tor. Am Samstag gibt's für den 05-Keeper das erste Aufeinandertreffen mit dem Ex-Klub. Foto: Vigneron„Das mit der Nationalmannschaft habt ihr mir rein geredet“, sagt Adler gut gelaunt zu den Medienvertretern. „Ich habe lediglich gesagt, dass ich es absolut falsch finde als Fußballprofi von der Nationalmannschaft zurückzutreten. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit noch so gering ist, kann es im Fußball die witzigsten Konstellationen geben, dass man dann doch noch mal gebraucht wird. Wenn man vorher aus Eitelkeit sagt, ich spiele nicht mehr, kann ich das akzeptieren, aber für mich käme das nicht in Frage. Für mich war es immer das Größte fürs eigene Land zu spielen. Wenn der Bundestrainer ruft, wenn diese aberwitzige Konstellationen eintreten, wäre es unglücklich, wenn man vorher schon selbst zurückgetreten ist. Das habe ich gesagt.“ Einen Ruf von Jogi Löw gab es allerdings bislang nicht. „Ich gehe auch nicht davon aus, dass einer kommt. Wir haben in Deutschland auf dieser Position keine Probleme“, sagt Adler, der sowieso damit rechnet, dass der Bayern-Schlussmann bei der WM in Russland dabei ist. „Ich denke, dass Manu genau weiß, dass er sich die Zeit nehmen muss. WM hin oder her. Er hat ja 2014 gezeigt, dass er nach einer Verletzung wenig Anlaufzeit braucht. Deshalb lieber auf Nummer sicher gehen, einen Monat länger abwarten, anstatt nochmal einen  Rückschlag zu riskieren. Ich habe so oft gesagt, dass es heute im modernen Fußball, der so schnell geworden ist, der einem so viel abverlangt, nicht mehr möglich ist ohne Verletzung durch eine Karriere zu gehen. Es gibt kaum bis gar keinen Spieler mehr, der das schafft. Ich bemesse die Qualität eines Spielers aber daran, wie gehe ich damit um, wie akzeptiere ich das, wie komme ich zurück, wie arbeite ich in der Rhea, auf welchem Niveau komme ich zurück und wie schnell? Das macht die Qualität eines Spielers aus, nach einer Verletzung auf dem gleichen oder einem höheren Niveau zurückzukommen.“ So sei auch Neuer gestrickt.

Adler selbst hat genügend Erfahrung mit Verletzungen, die ihn immer wieder begleiteten. In Mainz präsentiert sich der 32-Jährige von Anfang an topfit, ehrgeizig, leistungsbewusst und als klarer Führungsspieler. Der Neuanfang nach fünf Jahren Hamburg ist gelungen. Adler wird von allen geschätzt am Bruchweg, er selbst schätzt das neue Umfeld. „Ich empfinde es schon so, dass ich hier das Gefühl habe, ich kann mich sehr gut konzentrieren, ich habe extrem viel Spaß. Ich sehe es nicht als Durchgangsstation, aber schon so wie jemand, der für ein Business geholt worden ist und seine Aufgabe darin sieht, hart zu arbeiten. Ich verbringe sehr viel Zeit am Bruchweg. Nicht, weil ich es muss, sondern weil es mir Spaß macht und es meine Auffassung vom Job ist. Mein Privatleben kommt aber auch nicht zu kurz. Ich finde es generell so, wenn man die Arbeitsstelle wechselt, ist es für jeden Arbeitnehmer eine Bereicherung, neue Sachen zu sehen, sich neu beweisen zu müssen, neuen Input zu kriegen, weil sich Strukturen mit der Zeit abnutzen können. Wenn man aber weitergehen will, muss man konsequent Entscheidungen treffen und etwas anders machen. Deshalb habe ich mich für Mainz entschieden. Und ich fühle mich sehr wohl. Ich denke auch nicht, dass sich das ändert“, sagt Adler.

Viel Theorie, gepaart im Spiel mit Instinkt

Er genieße es auf dem Platz zu sein, die Arbeit mit den jungen Kollegen innerhalb der Torhüter-Gruppe. Die Arbeit mit Stephan Kuhnert, dem Trainer der 05-Keeper, den jeder nur „Kuhni“ nennt und mit dem sich Adler intensiv bespricht, austauscht und vieles aufnimmt von Kuhnerts Ideen und Erfahrungsschatz. „Der Torwarttrainer ist für einen Torwart der wichtigste Bezugspunkt. In unserer Torwartgruppe schaue ich auch genau hin, da lerne ich von. Das macht mir am meisten Spaß, in der Gruppe Lachen zu können, Freude zu haben, aber gleichzeitig auch knallhart zu arbeiten. Das ist hier in Mainz jeden Tag der Fall.“ Torwart sein, so Adler, sei unheimlich viel Theorie, gepaart im Spiel mit Instinkt. „Man sollte schon ein Grundverständnis vom Torwartspiel haben. Es gibt viele Prinzipien, die Kuhni sehen will, die ich aber auch in meinem Spiel habe. Es gibt viele Kleinigkeiten. Ich finde es enorm wichtig, im Training darüber zu sprechen, gewisse Dinge zu simulieren und in Trainingsformen umzusetzen. Das ist viel Arbeit, ähnlich wie bei Turnern oder Leichtathleten, bei denen alles passen muss, um auf den Punkt da zu sein“, sagt der Routinier. „Jedes Tor kannst du verhindern, wenn du was anders machst. Ich versuche jedes Tor zu analysieren. Auch wenn der Ball unhaltbar erscheint. Für mich ist es auch wichtig, noch mehr den Raum zu verteidigen. So, dass die Situation vielleicht gar nicht entsteht. In Wolfsburg hatte ich das etliche Male, dass ich Flanken schon im Vorfeld wegnehmen konnte, die zu Toren hätten führen können. Dinge, die vielleicht keiner sieht, die aber dazu führen können, dass einer aus drei Metern einschiebt und der Ball ist dann unhaltbar. Darüber spreche ich viel mit Kuhni. Nicht nur über die Bälle, die für jeden offensichtlich sind, wo du eine Riesenparade draus machst, sondern wie man im Vorfeld Bälle antizipiert, Steilpässe abläuft, Flanken verteidigt. Es geht darum, clever zu sein, mit den Stürmern zu spielen, mit den Abwehrspielern zu spielen, Torwart zu sein. Das sind Dinge, auf die Kuhni sehr viel Wert legt.“

Intensive und fruchtbare Zusammenarbeit mit Stephan Kuhnert. "Der Torhüter-Trainer ist für einen Torwart der wichtigste Bezugspunkt", sagt René Adler. Foto: Jörg Schneider. Im Spiel tauchten regelmäßig dieselben Situationen auf. Für einen Torhüter sei es eminent wichtig, die Lage einzuschätzen, den Blick nicht nur auf den Ballführenden zu richten, sondern auch für die anderen Leute zu haben. „Wenn links durchgebrochen wird, auch mal den Blick nach rechts richten, die Leute dort im Auge behalten. Der Mann außen macht in der Regel nicht das Tor, sondern die, die drinnen  stehen. Ball und Gegner sehen. Dass man dieses periphere Sehen hat, nach links zu schauen und trotzdem zu wissen, was ist in meinem Rücken los. Für den normalen Betrachter kommt das oft zu kurz. Der sieht nur die Paraden, aber selten das, was man vorher macht, dass man die Abwehrspieler ermahnt, dirigiert und Dinge vielleicht entschärft, ehe sie passieren. Das ist auch eine Frage von Alter und Erfahrung.“

Die Unterschiede zwischen seinem Ex-Klub und seinem aktuellen Verein seien natürlich da. „Die Erwartungshaltung mit der ganzen medialen Komponente ist total unterschiedlich“, sagt Adler. „In Mainz steht ein gewachsenes und ruhiges Umfeld. Das empfinde ich als sehr angenehm. Der HSV ist so, wie er ist. Das war in den letzten Jahren so und wird sich in den nächsten Jahren vielleicht auch nicht ändern. Ich bin kein großer Freund davon, Dinge zu vergleichen. Der HSV lässt sich auch nicht so einfach für mich abwischen. Weil ich zu vieles kenne, von den Spielern bis zu den Angestellten und ich weiß, wie die leiden, wenn es nicht läuft. In Hamburg ist es viel schwieriger Privatleben und Beruf zu trennen. Das Umfeld ist schwierig, es herrscht ziemlich viel Unruhe, das tun ja auch viele HSV-Spieler kund, deshalb kann  ich das offen sagen. Es ist schwierig, in einem solchen Umfeld, in dem in den vergangenen Jahren permanent die Trainer gewechselt haben, neue Sportdirektoren kamen, eine gewisse Konstanz reinzukriegen. Daran arbeitet der Verein. Ich glaube, dass es in Deutschland viele gibt, die hoffen, dass es nicht funktioniert dort. Ich bin einer der hofft, dass da endlich mal Konstanz reinkommt, weil es ein geiler Verein ist.“

Über Mainz 05 werde oft als Ausbildungsverein gesprochen. „Ich finde den Weg von Mainz super, sich dazu zu bekennen“, erklärt Adler. „Wir können nicht sagen, wir sind der Verein, zu dem Top-Spieler kommen. Deshalb sagt man, wir konzentrieren uns auf junge, entwicklungsfähige Spieler, die wir bekommen können. Ich glaube, dass das bisher ein sensationeller Weg war. Ich fand es schon in den vergangenen Jahren überragend, mit welcher Ruhe und Akribie hier gearbeitet wurde. Ich finde es beeindruckend, dass bei uns in der Torwartgruppe alle Torhüter außer mir aus dem eigenen Nachwuchs kommen. Das ist eine sensationelle Sache. In der Regel sollte es so sein, aber man findet es selten. Das unterstreicht aber, was hier für Top-Arbeit gemacht wird. Wie viele Spieler, wie viele Trainer aus dem eigenen Nachwuchs kommen. Das ist ein  Konzept an dem der Verein festhält, auch wenn es immer wieder mal Stimmen gibt, die das negativ sehen, wenn es mal nicht so läuft. Ich finde, dass der Verein das clever macht.“ Das gelte auch für die Transferpolitik. „Mich mal ausgeklammert, glaube ich, dass Mainz 05 mit Abdou Diallo einen Transfer gemacht hat, um den uns viele Vereine der Bundesliga beneiden. Andere Klubs haben auch eine funktionierende Scouting-Abteilung, aber Abdou ist zu uns gekommen. Das ist ein Ausrufezeichen gewesen für unsere Strategie, die wir fahren“, sagt der Torhüter.

Kein normales Bundesligaspiel

„Ich glaube, dass es eine inhaltliche Stärke des Vereins ist, intern so geschlossen zu sein, einen klaren Plan zu haben und an dem festzuhalten, auch wenn‘s Gegenwind gibt. So, wie es Anfang der Saison war. Ich denke wir haben aber gezeigt, dass wir aufstehen können, dass wir Spiele gewinnen können, dass wir jetzt einen guten Lauf haben. Den wir mit einem Dreier gegen den HSV festigen wollen, um tabellarisch langsam in etwas ruhigeres Fahrwasser schauen zu können.“

Das Spiel am Samstag gegen die früheren Kollegen ist für den Keeper keine normale Bundesliga-Begegnung. Dafür ist Adlers Beziehung zu Hamburg nach wie vor zu intensiv. Der 32-Jährige war beliebt beim HSV, er hat etliche Freunde innerhalb des Kaders. Adler besitzt ein Haus in Hamburg, verbringt mit seiner Ehefrau immer noch einen Teil seiner Freizeit dort.  „Natürlich ist es für mich ein etwas anderes Bundesligaspiel“, sagt er. „Aber es ist ein genauso wichtiges Spiel wie das letzte oder das nächste. Ich möchte das nicht zu hoch aufhängen. Sonst besteht die Gefahr, zu viel zu wollen,  zu verkrampfen. Gesundes Mittelmaß ist das Beste.“ Dennoch soll unter allen Umständen ein Heimsieg der 05er her. „Der HSV kann gerne viele Punkte holen, bis auf die beiden Spiele gegen uns.“

Sieben Zähler haben die Mainzer bisher auf dem Konto. Genauso viele wie der HSV. Adler glaubt, dass sein Team auf dem richtigen Weg ist in einer harten und schweren Saison. Der Torhüter rechnet damit, dass bis zu zwölf Teams im Endeffekt in den Kampf um den Klassenverbleib involviert sein werden. „Ich glaube, wir haben den Turnaround jetzt gut geschafft. Ich sehe vor allen Dingen jeden Tag wie wir trainieren, mit welcher Hingabe und Mentalität, aber auch Qualität wir arbeiten. Unser Trainingsniveau ist echt richtig gut. Das haben wir in den letzten Spielen auch gezeigt. Ich glaube, dass wir unsere Punkte sammeln werden, ohne das am Tabellenplatz festzumachen“, sagt Adler. „Das Etappenziel muss sein, möglichst schnell die Klasse zu sichern. Alles, was dazukommt, ist ein Zubrot, das wir gerne mitnehmen.“

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