Etabliert, wenn auch wacklig

Christian Karn
Ohnehin gibt es nur acht Bundesligisten, die die aktuelle Serie des FSV Mainz 05 von inzwischen acht Erstliga-Saisons am Stück übertreffen. Vielleicht sind es bald nur noch sieben; der VfL Wolfsburg (20 Jahre) und der Hamburger SV (was auch immer gerade auf der Uhr steht) stecken noch dick im Abstiegskampf. Aber auch der BVB (41), auch Werder Bremen (36), auch Schalke 04 (26), auch die TSG Hoffenheim (9) war in diesen acht Jahren schon akut gefährdet. Die 05er haben ihnen allen eines voraus: Sie standen in dieser Zeit nie auf einem Abstiegsplatz. Das übertreffen nur Bayern München und Leverkusen, das haben auch in der Vergangenheit nur zwei weitere Klubs so lange geschafft. Aber es war mehrmals knapp. Und schon eine Auftaktniederlage kann die Serie zerstören.

Es ist ja so eine Sache mit Abstiegsplätzen. Drei gibt es in der Bundesliga (aufgerundet von zwei richtigen und einem Relegationsplatz), es waren (bis 1974) nur zwei, 1991/92, als der ostdeutsche Fußball ins bis dahin westdeutsche Spielsystem eingegliedert wurde, auch mal ausnahmsweise vier. 102 Mal in der Saison wird jemand auf einem Abstiegsplatz stehen, die meiste Zeit ist das nicht zwangsläufig ein Problem. Gerade früh in der Saison ist man schnell mal Letzter, das passiert auch den Größten. Selbst die Bayern haben nach ihrem ersten Meisterschafts-Triple die Saison 1974/75 mit ihren frischen Weltmeistern Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Katsche Schwarzenbeck, Uli Hoeneß und Gerd Müller auf dem letzten Platz begonnen, nach einem 0:6 in Offenbach. Das war ein erstes Warnsignal damals, dass die große Zeit vorbei war - sie haben zwar weiterhin jedes Jahr den Europapokal gewonnen, aber Meister wurden sie fünf Jahre lang nicht mehr. So lange warten mussten sie seither nie wieder.

Dreimal in Folge gewann Bayern München in den 1970ern den Landesmeisterpokal. Im gleichen Jahrzehnt standen die Bayern zum ersten und zweiten Mal auf einem Abstiegsplatz - aufs dritte Mal wartet die Liga bis heute.Der Abstiegsplatz, der tat nicht lange weh. Es war in ihrem zehnten Bundesligajahr das erste Mal, dass die Münchner unter dem Strich standen, es blieb das einzige Mal bis in den Winter 1977/78, und einen dritten Spieltag mit Bayern München auf einem Abstiegsplatz gab es bis heute nicht. Halten die Bayern das bis zum 26. November durch, machen sie die 40 Jahre ohne Abstiegsplatzierung voll. Natürlich kommt den Bayern der Spielplan entgegen: Als Dauer-Meister fangen sie jedes Jahr mit einem Heimspiel an, gern gegen einen Alt-Etablierten (HSV, Werder Bremen), gewinnen 5:0, 6:0, haben direkt einen Startvorteil. Wäre interessant, sie mal am ersten Spieltag in Dortmund zu sehen, oder in Gladbach, wo sie zuletzt immer mal Schwierigkeiten hatten.

Mainz 05 hatte in den letzten Jahren immer wieder das Glück, entweder auch zuhause anfangen zu dürfen, gegen Leverkusen (2:2, 2:0) oder gegen den VfB (2:0, 3:2). Die nun ablaufende Saison gab den Mainzern zum ersten Mal die klare Außenseiterrolle am ersten Spieltag. Und in Dortmund hatten sie wieder Glück. Dass es nicht schon vor dem frühen 0:1 einen Elfmeter für den BVB gab. Dass sie das 0:1 bis in die 89. Minute hielten, dass Yoshinori Muto nach dem 0:2 in der Nachspielzeit zum Anschluss traf. Das 1:2 reichte für den zwölften Platz. Ein 0:2 wäre die zweithöchste Niederlage des Spieltags gewesen, hätte die 05er aber trotzdem auf den fünfzehnten Platz gestellt - es gab genug andere, die ebenfalls 0:2 verloren haben. Und weil dem ärgerlichen 4:4 gegen Hoffenheim zwei Auswärtssiege folgten, hielt eine lange Serie von damals 239, 240, 241, 242 Spielen, die die 05er in der Bundesliga absolvierten, ohne unter den Strich zu rutschen.

Wolfsburg - zeigt Teammanager Darius Salbert Trainer und Präsident - stemmt sich gegen das Unentschieden, kriegt es aber nicht mehr umgestoßen. Und Mainz 05 wird - sofern nichts ganz Seltsames passiert - die Serie in die neue Saison fortführen. Foto: VeyhelmannInzwischen sind sie bei 271 Spielen ohne Abstiegsplatz angekommen. Das 272. steht bevor - ein Absturz der 05er auf den Relegationsplatz dürfte nicht nennenswert wahrscheinlicher sein als ein Meteoriteneinschlag, der den Domsgickel von seinem Turm schubst. Sie müssten in Köln schon mindestens 0:10 verlieren, in einer Liga, in der das letzte 10:0 (Gladbach gegen Braunschweig) fast 33 Jahre zurückliegt, in der selbst die Bayern gegen den HSV nicht mehr über ein 8:0 hinauskommen. Dank der Wende gegen die Eintracht - ein 0:2 hätte die Serie nach 270 Spielen, acht Jahren minus zwei Partien, beendet.

Statt dessen gewannen die Mainzer 4:2 und hängten damit den VfB Stuttgart ab. Der hatte von 1985 bis 1993 exakt acht Jahre minus zwei Spiele auf einem Nichtabstiegsplatz gestanden, musste dann auswärts beim Deutschen Meister beginnen, verlor bei Werder Bremen, war Vorletzter am ersten Spieltag, Drittletzter am zweiten nach einem 0:0 gegen den VfB Leipzig, dann erst 1999 wieder auf einem Abstiegsplatz, aber die Serie war kaputt, unterbrochen zu einem Zeitpunkt, an dem man sich Abstiegsplätze leisten kann.

Und wenn auch in Leverkusen mal wieder alles drunter und drüber geht: Neben den Bayern hat lediglich Bayer 04 eine noch längere Serie am Laufen. Foto: imagoDen 05ern wäre das in den vergangenen acht Jahren hin und wieder auch fast passiert. Nicht oft - und nie waren sie so spät noch gefährdet wie in diesem Jahr. Auftaktniederlagen sind selten, kamen lediglich 2015 (0:1 gegen Ingolstadt - dann Sieg in Gladbach, Sieg gegen Hannover) und 2016 (1:2 in Dortmund, siehe oben) vor. In den ersten Jahren nach dem Wiederaufstieg waren die 05er ohnehin weit weg von den Abstiegsplätzen. 2009 waren sie unter Thomas Tuchel mit zwei Unentschieden und einem Sieg gegen die Bayern gut in die Saison gekommen, nie schlechter als Elfter, und in der Saison 2010/11 standen sie als einziger Bundesligist an jedem einzelnen Spieltag auf einem Europapokalplatz. Erst am neunten Spieltag der Saison 2011/12 waren sie nach vier Heimniederlagen im neuen Stadion Fünfzehnter, einen Punkt vor dem Letzten, kamen aber rechtzeitig wieder auf die Beine. Im Herbst 2012 war es noch einmal knapp - aber die Tuchel-Teams zeichnete es immer aus, dass sie dann, wenn's wirklich zählte, ihre Punkte holten. 2014 wieder im Europapokal spielten, 2015 als Tiefpunkt der Saison auf dem 14. Platz vorbeischauten und den Trainer entließen, 2016 trotz zweimaligem Besuchs auf Platz 13 erneut ins internationale Geschäft kamen - und was 2017 passiert ist, ist bekannt.

Den VfB haben sie jetzt also überholt - gezählt in Jahren allerdings - um auch nach Spielen gleichzuziehen, fehlen noch drei Partien; 1991/92 hatte der VfB ja 38 Spieltage. Ohne Rücksicht auf die qualitativen Unterschiede von Abstiegsplätzen (1. Spieltag: eigentlich egal - 34. Spieltag: Weltuntergang!) sind die 05er je nach Lesart der drittetablierteste Bundesligist! Platz 1: Bayern München, klar. Platz 2: Leverkusen mit einer kaum unterbrochenen Serie von 34 Jahren, zerschnitten in drei Abschnitte von achteinhalb, elfeinviertel und aktuell inklusive des kommenden Spieltags zwölf Jahren plus zwei Spielen. Ende: nicht absehbar. Platz 3: Mainz. Alle anderen waren irgendwann ab 2009 entweder auf einem Abstiegsplatz oder nicht mal in der Liga.

Und auch in der Vergangenheit gab es nur zwei weitere längere Serien: Der HSV hat von 1977 bis 1987 zehn Jahre und drei Spiele geschafft. Borussia Mönchengladbach von 1969 bis 1978 neun Jahre minus ein Spiel. Werder Bremen, Schalke 04, Borussia Dortmund, der 1. FC Köln, Eintracht Frankfurt, alle anderen, die Rang und Namen haben, haben so etwas nicht geschafft.

Und doch wäre es dieses Jahr beinahe schief gegangen. Stabil ist das nicht. Auch die neue Saison kann mit einem Abstiegsplatz beginnen - und enden.

Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.