„Es kommt wie es kommt“

Jörg Schneider. Mainz.
Die Rückkehr von Christian Heidel zu seinem Herzensklub als Sportvorstand des Gegners dürfte vor dieser Partie heute Nachmittag in der Opel Arena die größte mediale Aufmerksamkeit beanspruchen. Doch der ehemalige Macher des FSV Mainz 05 ist auch nur Zuschauer beim Duell seines Ex-Klubs gegen sein aktuelles Team, den FC Schalke 04. Eine Partie, in der beide Mannschaften angesichts der brisanten Situation im Abstiegskampf zum Punkten verurteilt sind und die für die 05er unbedingt einen Heimsieg bringen soll. „Alles zuletzt Dagewesene hinter uns lassen“, fordert Martin Schmidt. „Spaß und Freude reinbringen. Das ist ein Heimspiel. Wir freuen uns auf die Kulisse und auf diese Aufgabe.“

Zehn Monate nach seinem emotionalen Abschied kehrt Christian Heidel nun in offizieller Mission zurück in sein früheres Wohnzimmer. Gastgeschenke wollen die 05er ihrem ehemaligen Manager jedoch keine machen. Foto: ImagoEs ist ja nicht so, dass Christian Heidel seit jener emotionsgeladenen Zeremonie im vergangenen Mai, als der langjährige Manager im Anschluss an das 0:0 gegen Hertha BSC und dem damit sicher gestellten Einzug in die Gruppenphase der Europaliga in der Opel Arena stimmungsvoll verabschiedet worden war, zum ersten Mal wieder den Boden seiner Heimatstadt betreten würde. Der 53-Jährige, der 24 Jahre lang der Macher und das Gesicht des FSV Mainz 05 war, ist immer noch stark verwurzelt in der Stadt, in der er geboren wurde und gewirkt hat. Heidel ist im Laufe des vergangenen Jahres immer wieder mal auf Besuch zu Hause gewesen, doch die Rückkehr in sein Wohnzimmer heute Nachmittag wird doch eine ganz spezielle Angelegenheit werden. So speziell wie die ganze Geschichte an diesem 25. Spieltag mit der Begegnung der 05er gegen den FC Schalke 04. Heidel kommt erstmals als Verantwortlicher des Gegners zurück zu seinem Herzensklub, als Sportvorstand des Europapokal-Viertelfinalisten, in einem für beide Klubs enorm wichtigen und richtungsweisenden Duell. Es braucht keine prophetische Gabe, um zu vermuten, dass diese Konstellation zunächst einmal die größte mediale Aufmerksamkeit beanspruchen und über allem stehen wird, was danach auf dem Platz folgt.

Der Schalker Sportchef hat dabei das komplette 05-Wochenendpaket gebucht. Am Samstag erschien der Ex-Manager mit Ehefrau und Kind beim Drittligaspiel gegen Holstein Kiel auf der Haupttribüne des Bruchwegstadions, wurde schnell in eine der Logen unterm Dach eingeladen, wo ein Teil der 05-Verantwortlichen die 0:3-Niederlage der U23 verfolgte, wo Heidel, ein Stockwerk über seinem einstigen Büro auch früher schon die Spiele verfolgte und wo am Fernseher die Konferenz des aktuellen Bundesliga-Spieltages lief. Was Heidel dort sah, unterstrich noch einmal die Brisanz, die in der heutigen Partie steckt und dass sein heutiger Auftritt in der Arena zwar eine höchst emotionale Geschichte, eine auch für ihn selbst neue und sonderbare Erfahrung sein wird, aber im Grunde doch nur eine Randerscheinung eines brisanten Fußballspiels, das auf dem Rasen entschieden wird.

Das 0:0 des Hamburger SV bei Eintracht Frankfurt hat am Samstag das Szenario verhindert, dass sich gleich fünf Klubs punktgleich den Relegationsplatz teilen. Der HSV bleibt mit 27 Punkten 16. Doch davor ist es extrem eng geworden. Wolfsburg, Augsburg, Bremen, Mainz mit 29 Punkten. Schalke mit 30. Leverkusen 31. Gladbach 32. Die halbe Liga steckt tief drin im Abstiegskampf. Die 05er sind also zum Punkten verurteilt in diesem Heimspiel gegen den Favoriten, der sich zuletzt zwar mit starken Vorstellungen präsentierte, aber ebenfalls dicke drin ist im Kampf um den direkten Ligaverblieb. Das Team von Martin Schmidt hat die bisherigen Chancen, sich halbwegs aus dem Schlamassel zu verabschieden und in einer ruhigeren Tabellenzone zu bewegen vertan und sich mit der 0:2-Niederlage in Darmstadt dahin gebracht, dass in dieser Schalke-Partie der Erfolgsdruck massiv angewachsen ist. Eine weitere Niederlage vor der nun anstehenden Länderspielpause wäre fatal.

„Die Mannschaft weiß um die Situation und kennt sie zu 100 Prozent“, sagt der 05-Trainer. „Wir sind in da jetzt drin und die Mannschaft nimmt das an. Da ist keiner blauäugig. Da weiß jeder genau, dass es um den Ligaverbleib geht. Wir müssen dahin zurückfinden, wo wir mal waren.“ Schmidt meint dies weniger tabellarisch, sondern spricht damit die Leistungsfähigkeit, die Bereitschaft, den Kampf und die mentale Einstellung an. Die Griffigkeit im Spiel, die Zweikampfstärke, den Behauptungswillen. „Die Fehler-Analyse des Darmstadt-Spiels verglichen mit dem Spiel in Leverkusen oder gegen Wolfsburg hat gezeigt, dass wir nicht in die Zweikämpfe kamen, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen viel zu groß waren. Wir müssen einen engen, kompakten Kader zusammenstellen und über die Zweikämpfe und die Willensstärke ins Spiel rein finden und dahin zurückkommen, was die kämpferische Seite angeht, wo wir waren, als wir in vier Spielen sieben Punkte geholt haben“, sagt der 49-Jährige. „Die Lehren ziehen aus dem Darmstadt-Spiel, aber uns nicht verrückt machen. Wir wissen, dass wir das können, dass wir den Schalkern einen großen Fight liefern können. Das Vertrauen schenken wir dem Team und sind überzeugt davon, dass wir am Sonntag einen ganz anderen Auftritt sehen. Wir sind überzeugt davon, dass die Mannschaft funktioniert, wenn es um was geht, wenn der Druck da ist. Unsere Stärke muss die Herangehensweise sein, wie wir unsere Heimspiele führen.“

„Alles zuletzt Dagewesene hinter uns lassen“

Gut 30.000 Karten hat der Klub für diese Partie abgesetzt. Tendenz steigend. Ein echtes Heimspiel aus diesem Druckspiel machen in einer atmosphärisch dichten Kulisse, über kleine Erfolge wie gewonnene Zweikämpfe und gefährliche Angriffsaktionen den Gegner beeindrucken, sich darüber Selbstbewusstsein holen. Das ist das, was die Mainzer zu Hause anstreben. „Alles zuletzt Dagewesene hinter uns lassen“, sagt Schmidt, „Spaß und Freude reinbringen. Das ist ein Heimspiel. Wir freuen uns auf die Kulisse und auf diese Aufgabe. Gegen Schalke zu spielen ist immer eine große Herausforderung und ein großer Reiz.“ Die Schalker stehen in der Auswärtstabelle mit sieben Zählern und 9:16 Toren auf dem vorletzten Platz. Die 05er haben 19 ihrer 29 Punkte im eigenen Stadion erarbeitet. Wenn das Team in der Arena von Beginn an die richtigen Signale an die Tribünen sendet, die bedingungslose Bereitschaft alles zu geben, alles zu versuchen und alles herauszuhauen, was drin ist, dann sollte eine Atmosphäre entstehen, in der Mannschaft und Publikum mächtig zusammenwachsen.

Die 05er wissen, was auf sie zukommt und was sie diesem Gegner entgegenstellen müssen: Aggressivität im Zweikampf, erhöhte Laufbereitschaft, enge Abstände zwischen den Mannschafsteilen. Wucht, Tempo und Konsequenz in der Offensive. Zielstrebige Tempo-Konter. Das kann ein Team, das nach dem harten Europaliga-Rückspiel in Gladbach am Donnerstag nicht komplett frisch daherkommt, nerven, beeindrucken und zu Fehlern zwingen. Wobei natürlich die eigene Fehleranfälligkeit, insbesondere nach Standardsituationen, weniger ausgeprägt sein sollte als zuletzt. Martin Schmidt sieht in der Europa-Belastung des Gegners zunächst mal keinen eigenen Vorteil. „Das ist nicht so schlimm, wenn man ständig in diesem Europapokal-Flow drin ist, ständig spielt und rotiert. Die regenerieren mit einem positiven Gefühl schneller. Es wäre romantisches Denken, wenn wir glauben würden, die sind müde. Es kann dazu kommen hinten raus, dass sie müde werden in einem hochintensiven Spiel, aber es kann nur ein Vorteil werden für uns, wenn wir es hinkriegen, das wir den Gegner von Anfang  intensiv bedrängen und ständig fordern.“

Christian Heidel weiß, dass er trotz des ganzen Rummels um seine Person und seine Rückkehr wenig dazu beisteuern kann zu dem, was in diesen 90 Minuten in der Opel Arena auf dem Rasen passiert. „Es kommt wie es kommt“, sagt der Sportvorstand des Revierklubs. Er komme als sportlicher Gegner, gehe in die Gästekabine, sitze auf der Gästebank. Auch wenn Mainz immer seine Heimat bleibe, der Ruhrpott sei jetzt sein Zuhause, wo er sich sehr wohlfühle. Das ganze Drumherum um seine Rückkehr müsse er klar trennen von der sportlichen Seite dieses Treffens. Dafür sei das Spiel für seinen neuen Klub einfach zu wichtig. „Das kann ich auch. Genauso wie meine Freunde in Mainz. Ehrlich gesagt bin ich trotzdem ganz froh darüber, dass die Partie erst jetzt in der Rückrunde stattfindet und nicht schon in der Hinrunde auf dem Plan stand. Ich freue mich auf dieses Spiel, aber für 90 Minuten muss die Freundschaft ruhen. Wir wollen diese Partie unbedingt gewinnen.“

 

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