"Den Ball wieder über die Linie bringen"

Christian Karn. Mainz.
In fünf Spielen ohne Torerfolg wurde der HSV vom ersten auf den drittletzten Platz durchgereicht; gegen Werder Bremen reichte es nach vier Niederlagen hintereinander immerhin wieder zu einem 0:0. "Wir müssen den Ball wieder über die Linie bringen", fordert HSV-Trainer Markus Gisdol, während sein Chef die morgige Partie beim FSV Mainz 05 schon zum Schlüsselspiel erhebt, sie einfacher einschätzt als die folgenden Spiele gegen Bayern München und bei Hertha BSC. Auf den gefährlichsten Angreifer aber wird der HSV noch lange verzichten müssen: Nicolai Müller, einer der vielen Ex-05er beim HSV, verletzte sich bekanntlich im ersten Spiel beim Torjubel schwer.

Die Saison 2017/18 begann für den Hamburger SV bizarrer, als viele seiner Feinde es zu hoffen gewagt hatten: Im Pokal-Erstrundenspiel kassierte der VfL Osnabrück in der 18. Minute beim Stand von 0:0 einen Platzverweis - aber anstelle die Überzahl von weit mehr als einer Stunde gewinnbringend zu nutzen, kassierte der Erstligist beim Drittligateam bis zur 71. Minute einen 0:3-Rückstand und schied schließlich mit 1:3 aus.

In der Liga lief es dagegen ganz ausgezeichnet - acht Minuten lang. So lange brauchten die Hamburger, um durch Nicolai Müller gegen den FC Augsburg in Führung zu gehen. Sekunden darauf die Katastrophe: Müller, der Torjäger, der beste Offensivspieler im Team, riss sich beim Torjubel das Kreuzband, wird noch sehr lange fehlen. Zwar gewann der HSV auch die zweite Partie beim 1. FC Köln durch Tore von André Hahn, Bobby Wood und in der zehnten Minute der Nachspielzeit - der Schiedsrichter hatte sich verletzt, musste ausgewechselt werden, das kostete Zeit - Lewis Holtby 3:1, was aber schon in erster Linie an Christian Mathenia lag. Der HSV-Torwart hatte zweimal Glück, weil Jonas Hector und Jhon Córdoba Pfosten und Latte trafen, hielt ansonsten bis in die 97. Minute alles, was aufs Tor kam, ermöglichte damit den Hamburgern, mit viel Spielverschleppung, ein paar Standards und klarer Unterlegenheit, was die vorhandenen Torchancen betraf, den Sieg - und damit immerhin über Nacht die Tabellenführung, die der HSV sich am Ende des Spieltags nach Punkten mit Dortmund, Bayern und Hannover teilte, nach Toren als Tabellendritter.

Noch mitten im Torjubel wird den Mitspielern klar: Da ist gerade etwas sehr schlechtes passiert. In fünf von sechs Spielen ohne Nicolai Müller blieb der HSV ohne Tor. Foto: imagoOb es an den hochklassigen Gegnern lag, dass der HSV anschließend auf den drittletzten Platz durchgereicht wurde, ist schwer zu beantworten. Leipzig, Dortmund und Leverkusen sind große Namen, Hannover startete zumindest gut. Ein 0:2 gegen den Vizemeister, ein 0:3 gegen den Tabellenführer Dortmund, ein 0:3 gegen Bayer Leverkusen, das sind für sich gesehen alles ärgerliche Spiele, aber alles Ergebnisse am schlechteren Ende des normalen Spektrums. Auch mit einem 0:2 in Hannover mussten schon andere hin und wieder leben. Erst die Häufung der Niederlagen ergibt das Drama, das durch ein 0:0 gegen Werder Bremen - der Viertletzte gegen den Vorletzten vor dem Spiel, der Drittletzte gegen den Vorletzten hinterner - nicht besser wurde. Seit 450 Minuten plus Nachspielzeiten hat der HSV kein Tor mehr geschossen. Die Offensive mit Mittelstürmer Wood, mit dem vom Sechser erst wieder zum Zehner und dann zum Linksaußen verschobenen Holtby, mit den Flügelspielern Hahn und Filip Kostic, mit dem jungen Bakary Jatta und Sven Schipplock, mit dem nachverpflichteten Sejad Salihovic und mit dem im Nachwuchs gefundenen Tatsuya Ito erfüllt seit fünf Spielen ihren Zweck nicht.

Salihovic wird in Mainz wahrscheinlich fehlen; der Bosnier verletzte sich beim Nationalteam. Wie Wood die Niederlage gegen Trinidad und Tobago, die die US-Nationalmannschaft die WM-Teilnahme kostete, und vor allem die Reisestrapazen verkraftet ist fast die gleiche Frage, die sich die 05er bezüglich Yoshinori Muto stellen mussten; kann schon sein, dass beide Mittelstürmer erst einmal auf der Bank sitzen werden. Ito ist fraglich, Hahn ist fraglich, HSV-Trainer Markus Gisdol bei beiden Spielern aber hoffnungsvoll, dass es reicht fürs morgige Spiel.

Der restliche HSV hat zumindest unter der Woche den Weg zum Tor wiedergefunden: Hahn und Schipplock trafen jeweils fünfmal, Holtby, Aaron Hunt und Christian Stark jeweils einmal im Test gegen den Oberligaklub SV Rugenbergen - "Oberliga" bedeutet in diesem Fall freilich "Stadtliga Hamburg", ergänzt um eine Handvoll Vereine aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Namhafte Amateurklubs wie der VfR Neumünster, der SV Eichede, die Flensburger, Göttinger, Cloppenburger, die einst in der gleichen Liga gespielt haben, haben inzwischen eigene Staffeln, der SV Gonsenheim wäre wahrscheinlich schwerer zu schlagen gewesen. Und auch der SV Rugenbergen, einer der Gäste aus Schleswig-Holstein, ging immerhin in der vierten Minute in Führung.

Und so ist eine gewisse Nervosität durchaus wahrzunehmen. "Mainz ist ein Gegner auf Augenhöhe, diese Partie ist von besonderer Bedeutung", erklärt der HSV-Vorstandschef Heribert Bruchhagen. "Danach kommt der FC Bayern, dann geht es nach Berlin. Wir können also tabellarisch in eine schwierige Situation kommen." Der Sieg in Mainz soll... was sein? Ein Ruhekissen für die folgenden Niederlagen? Ein Pflichtsieg? Das zum Überleben nötige Minimum? Zumindest baut Bruchhagen Druck aufs eigene Team auf.

Das wird auch defensiv nicht in Bestbesetzung spielen. Kyrgiakos Papadopoulos, der Abwehrchef, ist nach Gelben Karten am ersten, zweiten, fünften, sechsten und siebten Spieltag gesperrt. Neben Gideon Jung wird daher wohl Mergim Mavraj verteidigen, der erfahrene Albaner. Torwart Mathenia, der gebürtige Mainzer und ehemalige 05-Jugendspieler, Dennis Diekmeier und Gotoku Sakai vervollständigen die Abwehr. Davor dürfte es auf den Schweden Albin Ekdal und den 18-jährigen Schweizer Vasilije Janjicic hinauslaufen. Mit den Brasilianern Douglas Santos und Walace Souza Silva - beide haben schon geringe A-Länderspiel-Erfahrung -, dem niederländischen Abwehrtalent Rick van Drongelen, dem Junioren-Nationalstürmer Luca Waldschmidt sind weitere interessante, unvollendete Spieler im Kader. Ob das reicht, um in Bruchhagens Sechs-Punkte-Spiel den ersten Sieg in Mainz seit drei Jahren zu holen? "Wir müssen den Ball wieder über die Linie bringen", sagt Gisdol. Die hintere Linie hat der HSV ja nach zehn Gegentoren in vier Spielen wieder abgedichtet. Vorerst.

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