Christian Heidel: „Die werden das regeln“

Jörg Schneider. Mainz.
Der Frust und die Enttäuschung waren förmlich greifbar nach der neuerlichen Niederlage des FSV Mainz 05. Ausgerechnet Christian Heidel, der seinem Ex-Klub mit dem FC Schalke 04 diese 0:1-Pleite zugefügt hatte, versuchte in der allgemeinen Krisenstimmung als erfahrener Abstiegskämpfer früherer Jahre Trost zu spenden und zu beruhigen. „Man darf nicht so viel über Abstiegskampf reden. Dreiviertel der Liga ist im Abstiegskampf. Man muss aufhören, auf die Tabelle zu gucken. Mainz 05 hat 29 Punkte. Ich sage, wenn du noch elf Punkte holst von möglichen 27, dann hast du mit Platz 16 nichts zu tun“, sagte der Ex-05-Manager. „Und dass diese Mannschaft die notwendige Qualität dafür hat, da habe ich überhaupt keine Zweifel. Die werden das regeln, da bin ich absolut sicher.“

Es ist gerade mal elf Tage her, da gab es beim FSV Mainz 05 eine klare Ansage angesichts des bevorstehenden Programms mit zwei Auswärtsspielen gegen die beiden Schlusslichter der Liga und einem Heimspiel gegen einen mitgefährdeten Konkurrenten: „Verlieren verboten!“ Ein Vorhaben oder eine Absichtserklärung, die nach zwei absolvierten Spielen dieses Dreierpacks gründlich schief gegangen ist. Zwei Niederlagen hintereinander. Die eine aufgrund mangelnder Einstellung und schlechter Leistung beim Tabellenletzten in Darmstadt. Nun dieses 0:1 gegen den FC Schalke 04 nach deutlicher Leistungssteigerung, großem Kampf, unermüdlichen Bemühungen. In der Konsequenz jedoch erneut ohne zählbaren Erfolg. Aber wieder mit einem zu billigen Gegentreffer, der in der momentanen Phase gleichbedeutend mit einer Niederlage ist, weil im Angriff nichts zusammen geht.

Egal, wen Martin Schmidt in der Offensive aufstellt, alle Stürmer verbinden inzwischen dieselben bitteren Merkmale: Ungenaue Zuspiele, verspringende Bälle bei der Annahme, fehlende Tiefenpässe, falsche Entscheidungen am und im Strafraum, am Ende keinerlei Durchsetzungskraft. Kaum herausgespielte Chancen, zu wenig Druck auf die Abwehr, um die Verteidiger zu Fehlern zu zwingen. Was auch immer. Und wenn die Gelegenheit mal da ist, fehlt die Konzentration im Abschluss. Ein paar Halbchancen kamen so zusammen. Mehr nicht. Und vier Halbchancen ergeben nun mal nicht zwei Großchancen und erst recht keine Treffer. Deshalb ist der Vorsprung auf den Relegationsplatz inzwischen auf zwei Zähler geschrumpft und die 05er bilden nach 25 Spieltagen zusammen mit drei Kontrahenten ein heißes Anwärter-Quartett auf den Relegationsplatz. Der Abstiegskampf hat sich zugespitzt und momentan bieten die Mainzer trotz einer insgesamt guten Leistung vor allem wegen ihrer bedenklichen Angriffsmisere ein düsteres Bild.

Christian Heidel und sein Nachfolger Rouven Schröder im Gespräch. Der Ex-Manager gab sich überzeugt, dass die 05er die schwierige Lage überstehen. Die Mannschaft habe genügend Qualität, um das zu regeln. Der 05-Spordirektor betonte, es sei klar, dass nun alles hinterfragt werde. Man werde sich mit der Situation und den Defiziten auseinandersetzen, zusammenrücken und alle gemeinsam da durch kommen. Foto: Imago  Trost, etwas Beruhigung und gute Ratschläge kamen in dieser nach der Niederlage herrschenden Krisenstimmung ausgerechnet vom Ex-Manager. Christian Heidel erzählte nachher bei aller Freude über den wichtigen Sieg seines aktuellen Klubs, das, was er offenbar auch in Schalke seit Wochen predigt. „Eine der meistgestellten Fragen ist immer, was wäre wenn?“, sagte der S04-Sportvorstand in der Mixed-Zone der Opel Arena. Was werde passieren, wenn man nun das nächste Spiel auch noch verliere. „Das interessiert mich gar nicht. Ich habe es schon tausendmal erzählt, ich habe ja gewisse Erfahrung mit diesen Abstiegskampf-Geschichten und dass man sich einfach nicht verrückt machen darf. Man darf nicht so viel über Abstiegskampf reden. Dreiviertel der Liga ist im Abstiegskampf. Wir sind drin, Mainz, Leverkusen, Wolfsburg und so weiter. Die sind alle im Abstiegskampf drin. Man muss aufhören, auf die Tabelle zu gucken. Man muss nur auf die Punkte gucken, dann wird es einem auch schon angenehmer. Mainz hat 29 Punkte. Ich sage, wenn du noch elf Punkte holst von möglichen 27 dann hast du mit Platz 16 nichts zu tun, auch wenn alle Pessimisten nun glauben, dass es nicht geht“, sagte der 53-Jährige. „Und dass diese 05-Mannschaft die notwendige Qualität dafür hat, da habe ich überhaupt keine Zweifel. Deswegen immer Ruhe bewahren und weiterhin intensiv arbeiten. Die werden das regeln, da bin ich absolut sicher.“

Auch Heidels Nachfolger bei Mainz 05 fand trotz aller Enttäuschung und aktuellem Frust Ansätze, um doch ein wenig zuversichtlicher nach vorne zu blicken. „Natürlich ist das jetzt sehr enttäuschend“, sagte Rouven Schröder. „Ich glaube trotzdem, dass wir heute ein Spiel gesehen haben, dass wir nicht verlieren hätten müssen. Wir haben engagiert gespielt, haben es vor allen Dingen in der ersten Hälfte sehr kompakt hinbekommen. Wir haben dann leider in der Drangphase vor der Halbzeit das Tor nicht gemacht. Da hätten wir uns belohnen müssen für eine engagierte Leistung. Ich glaube auch, dass die Mannschaft in der zweiten Halbzeit alles auf den Rasen gebracht hat, ständig angeschoben hat. Das Publikum war da, die Leidenschaft war da. Dann haben wir das Gegentor bekommen, was in der Phase doppelt bitter ist, wenn du ordentlich im Spiel bist. Hinten raus die Chancen für Schalke will ich gar nicht bewerten, weil wir da alles nach vorne geworfen haben.“ Doch auch der 05-Sportdirektor kam an der entscheidenden Problematik nicht vorbei. „Wir haben keine klare Chance hinbekommen, haben zwar gefühlt gedrückt, aber den Ball nicht in den Sechzehner reinbekommen.“ Dass sich diese Offensiv-Misere inzwischen durch die ganze Rückrunde zieht, entlockte Schröder nur eine Trotzreaktion. „Was soll ich sagen? Dann müssen wir es halt weiter üben. Wir kennen die Defizite und sagen nicht: lass mal, irgendwann wird das schon. Wir werden das angehen und intensiv daran arbeiten. Du musst einfach vorne, wenn die Räume enger werden noch mehr Mut haben, selbstbewusster, selbstsicherer werden. Da ist dann das eine oder andere Anspiel nicht genau, wir wurden dann etwas hektisch, was vielleicht auch normal ist in der jetzigen Situation. Wir müssen das weiter anschieben und dann werden wir auch wieder belohnt. Davon bin ich fest überzeugt.“

"Wir müssen die Dinge besprechen und offen miteinander umgehen"

Diese Heimniederlage sei extrem bitter. „Aber es ist wichtig die Köpfe jetzt oben zu behalten. Man kann sich sicher mit einem Spiel wie heute anders identifizieren als mit dem der letzten Woche“, sagte der 41-Jährige. Dass nun nach der neuerlichen Schlappe in allen Bereichen Unruhe einkehren könne, dazu hatte Schröder ebenfalls eine klare Meinung. „Was heißt Unruhe? Wir spielen Fußball-Bundesliga. Jeder kann die Tabelle lesen. Wir müssen die Dinge besprechen und offen miteinander umgehen. Es ist doch ganz klar, dass jetzt alles hinterfragt wird. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Wir sind alles Kerle genug, um dadurch zu gehen und zusammenzurücken. Es muss die Mentalität da sein hier in Mainz, dass wir das alle zusammen durchstehen. Heute gab es schon eine Reaktion. Wir haben viele Dinge gesehen, die wir in Darmstadt nicht gesehen haben. Wir haben zwar nicht gepunktet, haben aber eine Leistung gezeigt, auf die wir aufbauen können.“

Wie dieses Zusammenrücken im Detail aussehen kann, darüber wollte sich Schröder eine Viertelstunde nach dem Abpfiff nicht weiter auslassen. Zu früh, zu stark noch die Frust-Wirkung. „Man hat aber gesehen, es geht nur zusammen. Es war heute eine besondere Stimmung. Das Publikum ist das ganze Spiel über eingestiegen. Jetzt ist es klar, dass wir die Mentalität brauchen, weiter so dadurch zu gehen. Wir haben jetzt die Zeit uns auf das Spiel in Ingolstadt einzuschwören. Da müssen wir mit allem dagegenhalten“, sagte Schröder.

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